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...des lebens

2. September 2006

alle meine entchen


BBB = Besonders brisante Bildung? Diese Auslegung der allseits bekannten Buchstaben ist zwar eher unüblich, dennoch möchte mich ich mit diesem Bericht einem Thema widmen, welches in der Bedutung gemeinhin unterschätzt wird und zwar der Interpretation eines allseits bekannten Stück deutschen Kulturguts - gemeint ist das Lied "Alle meine Entchen", 1891 der Feder des Herrn Gustav Eskuche entsprungen.

Erst einmal der Text, die erste Strophe ist vermutlich allen bekannt, das Lied hat aber deren vier.

Alle meine Entchen
:schwimmen auf dem See:
Köpfchen in das Wasser
Schwänzchen in die Höh.

Alle meine Täubchen
:gurren auf dem Dach:
Fliegt eins in die Lüfte,
fliegen alle nach.

Alle meine Hühner
:scharren in dem Stroh:
Finden sie ein Körnchen,
sind sie alle froh.

Alle meine Gänschen
:watscheln durch den Grund:
Suchen in dem Tümpel,
werden kugelrund.


Wieder einmal geht offenkundig ein Gespenst um in Europa - diesmal aber nicht das Gespenst des Kommunismus, wie es die Herren Marx und Engels in ihrer Einleitung zum kommunistischen Manifest beschrieben hatten, es ist stattdessen der allseits bekannte und permanent grüssende Geist des Kapitalismus. Es geht in diesem Lied nicht um kleine Enten, Tauben, Hühner, Gänse an sich, nein, an den Anfang jeder Strophe wurde die Betonung gestellt, dass es sich um SEINE Tiere handelt. Es sind alles seine Tiere. Der Besitz des anonym bleibenden Ich-Erzählers. Das scheint jenem Erzähler von höchster Wichtigkeit zu sein. Sowohl der Umstand, dass er ungenannt bleibt und lieber im Hintergrund die Fäden zieht, als auch der vermutlich grosse Besitz des Herrn. Frauen hatten zu der Zeit nicht die Möglichkeit, Besitz anzuhäufen, es darf also davon ausgegangen werden, dass der Ich - Erzähler männlichen Geschlechts ist, vermutlich steckt in ihm sogar ein grosses Stück des Autoren. Man sollte die Botschaft, die sich dahinter verbirgt, nicht unterschätzen. Ein Streben nach Besitz und ein egoistischer Umgang damit wird als lohnenswert angesehen. Als erstrebenswert. Und somit bereits kleinen Kindern als Selbstverständlichkeit gewissermassen in die Wiege gelegt. Der Ich-Erzähler übernimmt in diesem Lied von Beginn an die Rolle des Kapitalisten und Grossbesitzers. Und er lässt keine Gelegenheit aus, es den Zuhörern immer wieder neu ins Gedächtnis zu schreiben. Strophe für Strophe.

Die fragwürdigen Werte des Ich-Erzählers finden damit aber kein Ende. Die zweite Strophe befasst sich mit dem Phänomen des Herdentriebs. Des Lemmingverhaltens. Einer folgt dem anderen - ohne sich Gedanken darüber zu machen, warum. Das Gehirn wird ausgeschaltet, die Entscheidung des Vorgängers unreflektiert für "gut" erklärt und übernommen. Solch ein Verhalten wird heute in der Gesellschaft zwar gemeinhin kritisiert, aber wen kann es wundern, wenn bereits das bekannteste deutsche Kinderlied dieses Verhalten in die Köpfe des noch besonders leicht manipulierbaren Nachwuchses implantiert? Ein solches Verhalten kommt dem Grossbesitzer aber fraglos zugute. Scheinbar spielerisch wird dies hier thematisiert, es lässt sich somit mühelos eine Verbindung zu den willigen, folgsamen Arbeitern, die eigenes Denken ausschalten, herstellen. Die die Entscheidungen ihrer Herren nicht hinterfragen. Solche Arbeiter sind es, die sich die Kapitalisten aller Herren Länder wünschen. Und natürlich auch der Herr Eskuche.

Ebenfalls unterscheidet Eskuche zwischen Tieren erster und Tieren zweiter Klasse. Dies ist schon mehr als nur latent rassistisch. Die Hühner der dritten Strophe sind offenkundig minderwertig, sie leiden Hunger, müssen sich an einzelnen Körnern erfreuen. Im Gegenzug dazu bekommen die Gänse offenkundig alles im Überfluss. Sie schaffen es sogar, sich in Tümpeln kugelrund zu fressen. Die Frage drängt sich auf, welches Futter Gänse in Tümpeln finden. Aber hier kommt es nur darauf an, dass sie es schaffen. Es sei daran erinnert, dass dieses Lied aus dem Jahre 1891 stammt. Die ersten Sozialgesetze in Deutschland wurden in diesem Jahr umgesetzt. Erstmalig wurde eine Rente an Arbeiter über 70 Jahre und an dauerhaft Erwerbsunfähige ausgezahlt. Die Kapitalisierung des gesamten Marktes war ein aktuelles Phänomen, und Eskuche nutzt hier wie in einer Fabel die Tiere, um die Ausbeutung der Arbeiterklasse zu rechtfertigen. So, wie es bei den Tieren "arme" und "reiche" gibt, hungrige Hühner und kugelrunde Gänse, so ist es auch OK, wenn die Arbeitgeber auf Kosten der Arbeitnehmer kugelrund werden.

Erneut lässt sich eine Brücke zur ersten Strophe schlagen. Den Entchen, welche den Kopf unter das Wasser stecken, steht das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals - nur bereits "andersrum" - und damit noch drastischer, als gemeinhin angenommen. Aber widmet der Ich - Erzähler diesem Kampf Zeit? Nein. Es ist ganz selbstverständlich, dass die Enten darben. Dass seine Enten darben. Über Wasser finden sie offenbar gar nichts mehr, um sich zu ernähren, gefüttert werden sie erst recht nicht, und daher müssen sie unter beträchtlicher Lebensgefahr versuchen, ihren Lebensunterhalt unter Wasser sicherzustellen. So sehen sie die Welt ausserdem aus dieser eigenartigen Perskektive nur "von hinten". Sie machen sich aber keine weiteren Gedanken darüber, sondern akzeptieren die ihnen zugedachte Rolle klaglos. Brave Enten.

Und dieser an sich dramatische Kampf des Arbeiters und kleinen Mannes um das Überleben, wird in einer simplen Variation der C-Dur Tonleiter verpackt. Die Melodie ist so einfach gehalten, wie es nur geht, sie mitzuträllern fällt selbst dem jüngsten Hörer leicht. Das Ganze erfolgt daher auf so einfache Weise, um die Bedeutung runterzuspielen, um den Kampf der Enten spielerisch wirken zu lassen. Um den Herdentrieb der Tauben positiv erscheinen zu lassen. Um es als selbstverständlich anzusehen, vielleicht sogar als gottgewollt, dass einige hungern, während andere kugelrund werden. Jeder hat halt seine Rolle zu erfüllen, jeder hat seine Aufgabe im Leben zu erfüllen. Und es kann nicht jeder "Gans" sein. Oder gar Gänsebesitzer. Solange man selbst zu den priviligierten Schichten gehört, macht das ja auch nichts. Jeder Gans sein ums Überleben kämpfendes Entchen, jedem Arbeitgeber seine hungernden Hühner. Das ist die Welt des Gustav Eskuche, das sind seine Werte, die wir auch heute noch unseren Kindern und Enkelkindern im jüngsten Alter vermitteln. Es wird Zeit, aufzuwachen.

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vielen dank an stephan r., dass ich diesen text 1 zu 1 von ihm übernehmen durfte. :o)

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